Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Im Friedegg-Treff Gossau werden jeden Freitag Lebensmittel sortiert und verteilt. 45 Freiwillige sorgen dafür, dass Brot, Gemüse, Milchprodukte und weitere Waren Menschen erreichen, die darauf angewiesen sind.
Existenzminimum Freitag, 18. September, 13.30 Uhr, Haus Friedegg, Gossau. Ein älterer Mann steht im Eingangsbereich. Er kommt aus der Ukraine und blickt erwartungsvoll in die Runde. «Kann ich schon einkaufen gehen?», fragt er. Die Essensausgabe startet zwar erst um 14.45 Uhr, doch der Mann ist früher da – einer der Ersten, die heute im Friedegg-Treff Lebensmittel beziehen möchten. Theres Damann, die an diesem Freitag die Tagesverantwortung beim Friedegg-Treff trägt, lächelt ihn an. «Die Lebensmittelausgabe öffnet erst in etwas mehr als einer Stunde», erklärt sie freundlich. Dann macht sie eine einladende Handbewegung Richtung Treppe. «Sie dürfen aber gerne ein Stock höher in unserem Café Platz nehmen und dort einen Kaffee und ein Gipfeli geniessen, bis es soweit ist.» Der Mann nickt und macht sich auf den Weg nach oben. Einen Stock tiefer rüsten derweil die Helfenden bereits die ersten Waren und bereiten andere Lebensmittel wie Brote, Wähen oder Reis für die Abgabe vor.
Um 8.30 Uhr beginnt im Haus Friedegg an der Friedeggstrasse 7 die Arbeit. Die Tagesverantwortliche und freiwillige Fahrer treffen ein und machen sich auf den Weg zu den lokalen Lieferanten. Sie holen Lebensmittel bei Spar und Aligro ab, ausserdem beim Stadtbühlbeck, der Bäckerei Künzle und der Ochse Metzg. Gegen 10 Uhr trifft die Lieferung der Schweizer Tafel Region St.Gallen ein. Kisten werden ausgeladen und die Waren verteilt. Früchte, Salate und Gemüse kommen in den Anbau. Brot, Süssigkeiten und gekühlte Produkte werden im Keller gelagert. Am Nachmittag kommen weitere Helferinnen und Helfer dazu. Ab 13.30 Uhr rüsten und sortieren sie die Lebensmittel. Eine gute Stunde später ist alles für die Ausgabe vorbereitet. Um 14.45 Uhr beginnt die Abgabe. Bis etwa 16 Uhr kommen rund 70 Personen in den Friedegg-Treff. Sie beziehen Lebensmittel für etwa 200 Familienmitglieder.
Was die Menschen erhalten, hängt von den Lieferungen ab. Brot und Backwaren sind jeden Freitag dabei. Je nach Angebot gibt es Milchprodukte und Fleischwaren – an diesem Freitag liegen köstliche Bratwürste, vakuumiert zur Abgabe bereit. Süssigkeiten sind eher selten. Gemüse, Salate und Früchte bilden meist einen grossen Teil des Angebots. Für eine Abgabe bezahlen die Familien einen Franken. Damit werden unter anderem Handschuhe, Verpackungsmaterial und Abfallgebühren mitfinanziert. Der Verein Friedegg-Treff ist ansonsten auf Spenden angewiesen. Getragen wird er von der Stadt Gossau und den beiden Landeskirchen. Die Zahl der Bezügerinnen und Bezüger hat sich über die Jahre verändert. Im Jahr 2000 kamen rund 25 Familien. Bis 2009 stieg die Zahl auf etwa 40 bis 50 Familien. Nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine waren es zeitweise 80 Familien. Heute liegt die Zahl laut Marianne Tanner, der Leiterin der Lebensmittelabgabe, bei rund 65 Familien. Zum Angebot kommen Familien ebenso wie Einzelpersonen. Manche sind wegen einer Krankheit oder Arbeitslosigkeit vorübergehend darauf angewiesen. «Unsere Kapazität ist noch nicht ausgeschöpft», sagt Marianne Tanner, Leiterin der Lebensmittelabgabe beim Friedegg-Treff.
Eine davon ist Kateryna Khrushchova. Sie steht in der Schlange vor dem Friedegg-Treff. Die Ukrainerin floh aufgrund des Angriffskriegs der Russen aus ihrer Heimat. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie seit vier Jahren in Gossau. Sie spricht bereits ziemlich gutes Deutsch – das hat sie in der Zeit in der Schweiz gelernt. Die Lebensmittelabgabe nutzt sie seit ebenfalls fast vier Jahren. «Die Ausgabe ist für uns als Familie so wichtig. Es hilft dem knappen Familien-Budget entgegenzuwirken», sagt Khrushchova. Sie sei den Menschen, die hier arbeiten und ihre Zeit aufwenden, extrem dankbar. «Die lieben Frauen hier machen alles, was sie können, damit wir etwas zu essen bekommen. Das schätze ich enorm», so Khrushchova. Danach zeigt sie auf ihre Karte mit dem Time-Slot, in welchem sie einkaufen darf. Dann verschwindet sie zwischen den 20 bis 30 Menschen, die vor dem Friedegg-Treff warten, damit sie Lebensmittel einkaufen können.
Auch eine gemeinnützige Lebensmittelabgabe muss die Vorgaben des Lebensmittelgesetzes einhalten. Der Friedegg-Treff wird vom Lebensmittelinspektor kontrolliert. Die Helferinnen und Helfer sortieren faule oder graue Frischwaren aus. Sie kommen in die Grüntonne. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum und beim Verbrauchsdatum gelten unterschiedliche Regeln. Im Abgaberaum hängt eine Tabelle, die zeigt, wie lange bestimmte Produkte nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch abgegeben werden dürfen. Die Helferinnen und Helfer sind entsprechend geschult. Produkte mit dem Hinweis «zu verbrauchen bis» werden nach Ablauf nicht mehr verteilt. Gekühlte Waren lagern in zwei grossen Gastrokühlschränken. Für Tiefkühlprodukte gibt es eine mobile Kühltruhe. Die Schweizer Tafel liefert die Lebensmittel in gekühlten Fahrzeugen. Für die eigenen Transporte nutzt der Friedegg-Treff Isolierdecken. Digitale Thermometer zeigen, ob Milchprodukte und Fleisch ausreichend kühl bleiben. Dafür sind die Fahrerinnen und Fahrer verantwortlich. Kleinlich genau tragen sie bei Abfahrt die Temperaturen der Lebensmittel ein und nochmals bei der Ankunft an der Friedeggstrasse 7.
Verteilt werden kann aber nicht immer alles. Was übrig bleibt, wird nach Möglichkeit weitergegeben. Nicht mehr verwendbare Frischprodukte werden über die Grünabfuhr entsorgt.
Jeden Freitag sind mindestens sechs Helferinnen und Helfer sowie eine Tagesverantwortung im Einsatz. Insgesamt stehen 45 Freiwillige für die Lebensmittelabgabe zur Verfügung. Die Einsätze werden jeweils drei Monate im Voraus geplant. Die meisten von ihnen sind pensionierte und ältere Frauen, die sich ehrenamtlich einsetzen. «Wir wollen vom eigenen Glück etwas abgeben», sagt eine der Helferinnen. Das sei die Motivation für die Hilfe beim Friedegg-Treff. «Wir haben unter den Helferinnen eine gute Stimmung. Und gleichzeitig können wir Gutes tun. Und Gutes Tun ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je», sagt eine andere Frau, die vor Ort hilft.
Die Lebensmittelabgabe ist Teil des sozialen Angebots im Haus Friedegg. Viele Besuchende nutzen auch den Mittagstisch, die Kaffeestube, die Kleiderbörse oder das kostenlose Frühstück. Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es Deutschkurse. «Für diese Menschen ist es tröstlich zu sehen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind», sagt Tanner. Die sozialen Kontakte untereinander seien wichtig.
Die Privatsphäre der Besucherinnen und Besucher soll geschützt werden. «Wir sprechen auswärts nie über unsere Kunden, höchstens im Team untereinander», sagt Tanner. Während der Anstehzeit sind Handys nicht erlaubt. Fotos werden keine gemacht. Als Herausforderung bezeichnet Tanner die zunehmenden Vorschriften im Lebensmittelbereich. «Einerseits ist es schön, wenn wir lokale Lieferanten selbst bedienen können. Andererseits
werden die Auflagen immer umfangreicher und sind für eine gemeinnützige Organisation fast nicht handelbar.»
Die Lebensmittelabgabe findet jeweils am Freitag von 14.45 bis 16 Uhr im Haus Friedegg, Friedeggstrasse 7, Gossau statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig; Erstbesucher melden sich bei der Tagesverantwortung. Voraussetzung ist ein Bezugsausweis des Friedegg-Treffs. Anspruch haben Personen, die in der Gemeinde Gossau wohnen und
finanzielle Unterstützung vom Sozialamt erhalten, Ergänzungsleistungen beziehen oder eine Caritas-KulturLegi besitzen. Informationen gibt es beim Sozialamt Gossau, bei der Pro Senectute oder unter friedegg-treff.ch.
Von Marino Walser
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