Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Plattstichwebstuhl in einem Webkeller in Appenzell Ausserrhoden. Postkarte um 1910. Bild: pd
Vor 200 Jahren entwickelteJohann Conrad Altherr die Plattstichweblade, die Gewebe direkt beim Weben mit stickereiähnlichen Mustern verzierte.
Erfinderschicksal Die Plattstichweberei, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwischen vier- bis fünftausend Arbeitskräfte beschäftigte, verdankte dieser ebenso genialen wie einfachen Erfindung ihre Existenz. An der Plattstichweblade sind eine Reihe von kleinen Metallspulen befestigt, von denen das Garn im Wechsel mit dem eigentlichen Eintrag auf dem Weberschiffchen in den Stoff eingearbeitet wird. Dies geschieht durch Hin- und Herschieben der Spulen mit einem Hebel, sodass die Längsfäden mit den Spulfäden umwickelt werden. Für den Laien sehen die mit dem Webstuhl erzeugten Muster den Stickereien zum Verwechseln ähnlich. Die so geschaffenen leichten Baumwollstoffe wurden unter anderem für Kleider, Blusen und Vorhänge verwendet.
Der Erfinder Johann Conrad Altherr (1797–1877) wuchs im Webermilieu auf und erlernte den Beruf des Blattmachers und Anrüsters. Er heiratete 1819 Anna Barbara Bodenmann, die Tochter des Webfrabrikanten Ulrich Bodenmann. Schon früh entpuppte er sich als leidenschaftlicher Pröbler und sorgte für allerhand kleine Verbesserungen im Handweberei-Bereich. Aber erst mit der Erfindung der Plattstichplatte, zu der ihn die «Stickplatte» seines Erfinders aus Rheinpreussen inspiriert hatte, gelang ihm ein Werk, das der Appenzeller Textilindustrie Weltruf verschaffte. Den ersten Plattstichwebstuhl fertigte er für den Teufener Fabrikanten Tobias Oertli an. Mit den ersten Plattstichwebstühlen liessen sich lediglich einfache Punktmuster erzeugen.
Durch die Erfindung fühlten sich die Stickereifabrikanten konkurrenziert und Conrad Altherr musste von dieser Seite schlimmste Anfeindungen erdulden. Hermann Wartmann schreibt dazu in seiner Textilgeschichte: «In ihrer selbstsüchtigen Besorgnis verirrten sich die Stickereifabrikanten zu förmlichen Drohungen und zu dem Vorwurf, dass der «Pröbler» den an der Landsgemeinde geschworenen Eid, «des Landes Nutzen zu fördern», gebrochen habe, so dass er eine Zeit lang kaum das Haus verlassen durfte.»
Johann Conrad Altherr war ein typisches Erfinderschicksal beschieden. Während seine Errungenschaft vielen zu Verdienst und einzelnen gar zu Reichtum verhalf, blieb er lediglich Leiter einer kleinen Plattstichfabrik mit 26 Stühlen.
Das St. Galler Handelshaus Vinessa & Cie. spielte in der Karriere von Johann Conrad Altherr eine wichtige Rolle als wirtschaftlicher Wendepunkt. Das Handelshaus übernahm, beziehungsweise unterstützte seine Produktion und Vermarktung. In kürzester Zeit verbreitete sich der Plattstichwebstuhl über ganz Ausserrhoden. Nach dem brillanten Start setzten aber immer wieder ausländische Krisen ein, die für grosse wirtschaftlichen Probleme sorgten, da 95 Prozent der Produktion exportiert wurde.
Auch Politisch und gesellschaftlich war Johann Conard Altherr aktiv: Er war Ratsherr in Teufen (1839/40) und engagierte sich auch als Mitbegründer einer naturwissenschaftlichen Gesellschaft, was zeigt, dass er lokal gut vernetzt war und als gebildeter Praktiker galt. Er starb 1877 im Alter von 80 Jahren. ⋌
Franz Welte
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